Liga: 2. Lig Kirmizi / Stadion: Bayrampaşa Çetin Emeç Stadi / Zuschauer: ca. 1.300

 

Im Zentrum der europäischen Seite Istanbuls befindet sich der knapp 300.000 Einwohner zählende Stadtteil Bayrampaşa. Inmitten des sehr lebhaften, aber auch von Armut geprägten Bayrampaşa ragten bei unserer kurzen Anreise via Taxi bereits die Flutlichter des Cetin Emeç Stadyumu heraus und führten uns und den etwas überforderten Taxifahrer schon lange vor Spielbeginn ans Ziel.

Neben den stark sanierungsbedürftigen Häusern und Straßen ist auch das Stadion des Bayrampaşa Spor Kulübü, Teilnehmer der zweigleisigen dritten türkischen Liga, ordentlich in die Jahre gekommen.

So stellte man auch im inneren des Stadions fest, dass die weit vom Spielfeld entfernte Hintertortribüne mit vielen fehlenden Sitzen und rostigen Gittern nicht mehr genutzt werden kann und sich alle anwesenden Zuschauer die Haupttribüne mit Blick auf einige veraltete Wohnhäuser teilen. Zu Gast ein wahrlich namhafter Gegner aus der Hauptstadt Ankara. Der MKE Ankaragücü, zu Bestzeiten meist in der Top 5 der Süper Lig angesiedelt, wies neben den drei großen Clubs aus Istanbul die längste Zugehörigkeit in jener Spielklasse auf. Nach dem finanziellen Kollaps dauerte es auch nur zwei Jahre, ehe sich der Club in der TFF 2. Lig, der dritten türkischen Liga, wiederfand.

Als Favorit reisten die Blau – Gelben dennoch in den Nordwesten der Türkei, da man trotz finanzieller Probleme zumindest sportlich wieder führend ist. Die Hausherren hingegen befanden sich vor dem Spiel auf einem nach eigenen Aussagen sehr zufriedenstellenden 13. Tabellenplatz. Auf dem Spielfeld hingegen waren kaum Leistungsunterschiede zu erkennen. Bayrampaşa SK erzielte in einer ganz schwachen Partie in der 60. Minute den Treffer des Tages. Was auf dem Feld über 90 Minuten an Einsatz und Wille fehlte, machte sich umso mehr auf der Tribüne des Cetin Emeç Stadions bemerkbar. Von gut 600 Heimfans waren über die gesamte Partie knapp 400 dauerhaft in Bewegung. Man merkte den meist jugendlichen Fans an, welch große Bedeutung dieser Club für den Großteil der leidenschaftlichen Anhänger hat, die scheinbar für 90 Minuten den tristen Alltag vor den Stadiontoren lassen und voller Stolz die grün – roten Vereinsfarben tragen. In einer beachtlichen Lautstärke hallte es unter dem Tribünendach, sodass es uns wirklich schwer fiel das eigene Wort zu verstehen. Getoppt wurde dieser brillante Auftritt dann, wenn die 500 Gäste ihren Teil von der anderen Tribünenseite dazu beitrugen. Die im Pufferblock zahlreich sitzenden Polizisten waren durchaus unnötig, da der respektvolle Umgang beider Fanblöcke eher eine Fanfreundschaft vermuten ließ.

Während der Partie machte man viele Bekanntschaften mit Vereinsführenden, von welchen vor allem der selbsternannte Pressesprecher stolz die Geschichten des Vereins erzählte und fast genauso stolz wirkte, dass sein Club eventuell bis über die Grenzen des Landes hinaus Interesse weckt. Dass man nach Ankunft bereits gefragt wurde, ob man Trainer oder Mitarbeiter eines anderen Vereins sei, musste man natürlich verneinen. Der Club, der vorrangig mit Erfolg auf den eigenen Nachwuchs setzt, brachte auch in vergangenen Jahren einige Talente heraus, die sich später den größeren Clubs der Stadt anschlossen. Der Jugendbereich ist ebenfalls auch mit zahlreichen Spielern mazedonischer und bulgarischer Herkunft gespickt, die in geraumer Zeit ihren Vorgängern gleichtun sollen um den Bayrampaşa Spor Kulübü finanziell abzusichern. Auch die vielen jungen Spieler in der Startelf der Herrenmannschaft zeugen davon, dass es sich hierbei um eine wahre Talentschmiede handelt.

Die Feierlaune der Heimmannschaft war auch nach dem Spiel verständlicherweise bestens, schlug man doch den zumindest auf Papier haushohen Favoriten aus der Hauptstadt. Obwohl das Team von Ankaragücü mit gesenkten Köpfen im Kabinengang verschwand, feierten die ausschließlich aus Istanbul stammenden Fans von MKE Ankaragücü einfach weiter. Keines der 500 Tickets aus dem Gästekontingent durfte hierbei angeblich aus Sicherheitsgründen an Fans / Ultras aus Ankara gehen, was man als Außenstehender so nicht nachvollziehen kann. Der Stimmung tat es dennoch nicht wirklich etwas ab, da man von einem klasse Gästefanauftritt sprechen kann.

Für uns ging es nach einem weiteren türkischen Tee mit dem Pressesprecher zurück nach Beyoglu, da am Abend der Versuch gestartet werden sollte, das Geisterspiel von Beşiktaş aus dem Stadioninneren zu betrachten…

 

Sonntag, 03.11.2013, Beşiktaş SK – Kardemir Karabükspor

Bei unserer Ankunft am Recep – Tayyip Erdogan Stadion, eigentlicher Heimspielstätte des Erstligisten Kasimpaşa SK, war es erst 17 Uhr und somit 2 Stunden vor Anpfiff des vermeintlichen Geisterspiels der Adler. Der türkische Fußballverband verdonnerte Beşiktaş Istanbul zu 4 Geisterspielen, nachdem es beim Derby gegen Galatasaray zu einem Platzsturm mit folgenden Ausschreitungen kam.

Von einem wirklichen Geisterspiel konnte allerdings nicht die Rede sein, da immerhin Frauen und Kinder zu diesem Spiel gegen die Mannschaft aus Karabük zugelassen waren. Vom türkischen Fußballverband gab es auch für uns per E-Mail eine Absage, da die für Presse – und sonstige Mitarbeiter ausgewiesene Tribüne bereits überfüllt mit nationalen Vertretern war. Es begann eine halbstündige Diskussion mit der Presseabteilung, die uns durchaus verstanden, allerdings kein Auge zudrücken konnten (wegen der „sehr hohen Auflagen des Verbandes“). Da man uns abkaufte, extra für dieses Spiel in die Türkei geflogen zu sein, war die Diskussion auch nicht bereits nach einer Minute beendet, sondern zog sich über einige Telefonate hin. Das war es dann wohl.

Somit die Straße runter an den Frauen und Kindern vorbei, die uns etwas verwundert anschauten. Plötzlich erschien es uns möglich, einfach über einen Hintereingang an den Ordnern vorbeizulaufen und sicherheitshalber hängte man sich die vom Vortag in der Tasche befindliche Bursaspor – Akkreditierung verdeckt um den Hals. Alles lief nach Plan, man war nun bereits lediglich ein Absperrgitter vom Spielfeld entfernt, auch wenn man sich am Ende ausschließlich unter den beiden Mannschaften – die zuvor mit dem Bus ankamen – und hunderten Polizisten befand. Einfach nicht auffallen lautete die Devise. Da es nun immer noch eine gute Stunde war bis der Ball rollen würde, fiel es uns durchaus schwer, ohne Polizeiuniform und Trainingsanzug unauffällig zu bleiben. Aus den Katakomben kam urplötzlich ein bekanntes Gesicht auf uns zu, es war der Wichtigtuer vom Verband, der uns bereits freitags in der Türk Telekom Arena keinen Zutritt gewähren wollte. Natürlich wollte er uns auch diesmal keinen Zutritt gewähren, lobte uns auch nicht für die Kreativität, sondern warf uns einfach raus…

Enttäuscht war man im Nachhinein keinesfalls, hatte man doch alles versucht und bereits 3 absolut geniale Fußballspiele miterlebt. Vermutlich hätte man noch über den Spielertunnel ins Stadion müssen, da sich das einzige Tor nie zu öffnen schien, aber das wollte jeder schon einmal gemacht haben. Das Spiel endete übrigens 0:0, die anwesenden Frauen sorgten hierbei auch für unerwartet lauten und durchgehenden Support auf den Rängen.

Text: Marcel Bär